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Lebensgemeinschaft im tropischen Regenwald (02. Juli 2021)

Der Kongo gehört zu den längsten Flüssen dieser Erde. Der gigantische Strom hat seinen Ursprung in der Mitte des Kontinents. Zweimal kreuzt er den Äquator bis er an der Westküste in den Atlantik mündet. Für Nichtschwimmer eine unüberwindliche Verbreitungsgrenze. Das zentrale Tieflandbecken ist dicht bewaldet, mancherorts ganzjährig überflutet und von großen Flüssen durchzogen. Aufgrund der räumlichen Isolation bilden Tiere und Pflanzen Lebensgemeinschaften, die Ähnlichkeiten mit Inselpopulationen aufweisen. Wie diese Gemeinschaft funktioniert und welche Abhängigkeiten zwischen konkurrierenden Arten existieren, ist weitgehend unbekannt. Die Forschungsarbeit an Bonobos in den Wäldern von LuiKotale macht immer wieder deutlich, wie eng die Maschen des ökologischen Netzwerkes sind. Bonobos nutzen Nahrungsressourcen, die auch Wildschweine, baumlebende Affen, Nashornvögel und Waldelefanten für sich beanspruchen. Sie machen Jagd auf Antilopen, Affen, Nagetiere und Vögel. Menschen haben es auf die gleichen Tierarten abgesehen und sind zudem der gefährlichste Raubfeind der Menschenaffen. Dazu kommen natürlichen Feinde wie Goldkatze, Leopard, Riesenschlangen und Greifvögel. Die vielgestaltigen Räuber-Beute Beziehungen und die multilateralen Konkurrenzverhältnisse machen den globalen Charakter der Beziehungen deutlich: Alles hängt irgendwie mit Allem zusammen.

Will man Verhalten und Lebensweise der seltenen Menschenaffen verstehen, dann muss man sich auch Zeit für jene Arten nehmen, deren Bedürfnisse besonders eng mit denen der Bonobos verflochten sind. Einschlägige Studien stehen schon seit langer Zeit auf der „to-do“-Liste des LuiKotale Bonobo Projekts. Im November 2020 startete eine Pilotstudie, die systematisch Verteilung, Diversität, Dichte und Abundanz verschiedener Tierarten aufnahm. Erste Ergebnisse erwarten wir für die zweite Jahreshälfte. Im Herbst 2021 soll nun ein Forscherteam mit einer detaillierten Feldstudie beginnen. Ziel ist die Erfassung der Verbreitung und Häufigkeit von Tierarten, die mit Bonobos in einem Konkurrenzverhältnis stehen. Um auch den Einfluss menschlicher Jäger auf die Tiergemeinschaft zu berücksichtigen, werden die Daten in Gebieten erhoben, die sich hinsichtlich ihres Schutzstatus unterscheiden. Das Projekt zur Erforschung der Bonobos in ihrem natürlichen Lebensraum kann mit der finanziellen Unterstützung des Zoo Berlin umgesetzt werden. Seit langem fördert der Zoologische Garten Berlin die Arbeiten von Bonobo Alive. Mitarbeiter des Zoos haben sich in der Vergangenheit sogar auf den Weg in den Kongo gemacht und sich selbst vor Ort ein Bild von der Arbeit des Projekts gemacht. Um das neue Vorhaben personell und technisch auszustatten, waren weitere Fördermittel notwendig. Diese kommen vom Max-Planck-Institut für Tierverhalten in Konstanz und dem Centre for Research and Conservation im belgischen Antwerpen. Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprogramm verspricht Einblicke in das ökologische Netzwerk einer Lebensgemeinschaft, die in dieser Form nur im zentralen Kongobecken überdauert hat. Die menschliche Besiedlung des Kongobeckens hat ebenfalls eine lange Geschichte und bis heute dominieren traditionelle Formen der Nutzung. Das neue Forschungsvorhaben ist deshalb nicht zuletzt ein Versuch, Möglichkeiten der Koexistenz von Menschenaffen und Menschen auszuloten.


Wegen des flachen Terrains des Kongobeckens sieht die Flusslandschaft an manchen Orten wie eine Seenplatte mit vielen kleinen Inseln aus.
Copyright: Christian Ziegler

Bonobos machen Jagd auf Leoparden: Momentaufnahme einer unbekannten Räuber-Beute-Beziehung (31. Mai 2021)

Wer durch den Wald von LuiKotale läuft, begegnet Pinselohrschweinen, Waldantilopen und Affen. Diese Arten nehmen im komplexen Beziehungsgefüge der Waldbewohner wichtige Funktionen ein. Wie die Bonobos agieren sie als Samenverbreiter und sichern so den Fortbestand einer vielgestaltigen Pflanzenwelt. Als Fruchtfresser konkurrieren sie mit Bonobos um Nahrungsressourcen und regulieren vermutlich auf diesem Weg die Populationsdichte der Menschaffen. Diese machen wiederum Jagd auf die Nahrungskonkurrenten und sorgen dafür, dass die Konkurrenz nicht die Oberhand gewinnt. Im Rennen um den Zugang zum Futter stehen Bonobos ganz an der Spitze der Nahrungskette. Außer menschlichen Jägern sind Leoparden die einzige Art, die erwachsenen Bonobos gefährlich werden könnte. Die Großkatze ist im ganzen Kongobecken beheimatet und an manchen Orten als Menschenaffenjäger bekannt. Das Leoparden Jagd auf Bonobos machen, ist eine unbestätigte Vermutung. Kotuntersuchengen ergaben, dass Bonobos zum Nahrungsrepertoir von Leoparden gehören; ob die Raubkatze allerdings lebende Bonobos jagt oder nur tote Tiere verzehrt ist ungewiss. Bei der täglichen Arbeit laufen den Bonoboforschern manchmal Leoparden über den Weg und bisweilen werden die Raubkatzen von Kameras erfasst, die im Wald aufgestellt sind, um mehr über nachtaktive oder besonders scheue Tierarten herauszufinden. Um Aufschluss über die postulierte Räuber-Beute-Beziehung zu erfahren, benötigt man Informationen zum Jagdverhalten der Leoparden. Bonobos, die ihren Tag in Gesellschaft menschlicher Beobachter verbringen, sind aber vor Angriffen geschützt und die Chance, eine solche Begegnung zu Gesicht zu bekommen, sehr gering. Deshalb ist das, was eine Forschergruppe im Wald von LuiKotale unlängst zu Gesicht bekam ein sensationelles Ereignis (eine Bericht und ein Video findet sich unter https://doi.org/10.1007/s10329-021-00897-8): Wie immer beginnt die Arbeit auch an diesem Tag im Dämmerlicht an der Nestgruppe. Dann setzt sich die Bonobogruppe am Boden in Bewegung, sucht nach Futter und widmet sich der Fellpflege. Plötzlich sind aus einiger Entfernung Alarmrufe zu hören und versetzten Bonobos und Forscher in Aufregung. Ein kurzer Galopp durchs Unterholz führt zu der Stelle, wo die Alarmrufe herkommen. Die Blicke der Bonobos richten sich in die Krone eines hohen Baumes; der Auslöser für den Alarm hält sich also irgendwo im Gewirr der Zweige verborgen. Bald klettern einige Bonobos in die Baumkrone, rütteln an den Ästen und stoßen drohende Bell-Laute aus. Als sich ein erwachsener Mann der verdächtigen Stelle nähert, schießt ein Leopard auf ihn zu. Anders als die Beobachter haben die Bonobos offensichtlich damit gerechnet, denn ihr Rückzug wirkt kontrolliert. Sobald sich der Leopard in den Baumgipfel zurückzieht, sind sie auf dem Vormarsch und provozieren weitere Scheinangriffe. Als der Druck durch die Menschenaffen etwas nachlässt, sucht der Leopard das Weite, dann gehen auch die Bonobos zur Tagesordnung über und für die Forscher endet ein unvergessliches Naturereignis, welches sie noch lange beschäftigen wird.

Die Beobachtungen lassen keinen Zweifel daran offen: für die Bonobos in LuiKotale sind Leoparden eine Gefahr. Das Hassen von Fressfeinden ist ein charakteristisches Element in vielen Räuber-Beute-Beziehungen. Einerseits dient es der Kenntlichmachung von Raubfeinden und damit der Tradierung einer Gefahrenquelle. Anderseits schmälert es den Jagderfolg und veranlasst den Jäger, sich aus dem Streifgebiet zu entfernt. Die geschilderte Begegnung ist die erste innerhalb von 20 Jahren. Will man mehr über die Beziehung zwischen Bonobos und Leoparden erfahren, dann reichen derartige Zufallsbegegnungen nicht aus. Gezielte Untersuchungen des Nahrungsrepertoirs von Leoparden anhand von Kotuntersuchungen können Aufschluss über das Beutespektrum der Großkatze geben. Die Ausrüstung von Leoparden mit elektronischen Sendern wäre ein zusätzlicher Weg, sie auf ihren Streifzügen zu verfolgen und diese mit denen von Bonobos und anderen potentiellen Beutetieren zu vergleichen.


Photo: Nicolas Corredor Ospina/LKBP

Spurensuche im Regenwald (06. Mai 2021)

Auf den ersten Blick wirken Regenwälder unberührt. Geschlossene Baumkronen und dichte Bodenvegetation vermitteln den Eindruck von unangetasteter Natur. Bei näherem Hinsehen entdeckt man Spuren der Nutzer dieser Landschaft. Meterhohe Termitenbauten konkurrieren mit Bäumen und Kräutern um begehrte Flurstücke. Stachelschweine, Schleichkatzen und Antilopen haben im dichten Unterwuchs ein verästeltes Wegenetz angelegt und entlang der tunnelartigen Trampelpfade der Waldelefanten sind die Baumstämme von einer glänzenden Patina bedeckt. Die tierischen Hinterlassenschaften deuten auf Konkurrenz um Lebensraum hin. Dabei sind die Bedürfnisse der Wohngemeinschaft ziemlich gut aufeinander abgestimmt. Einerseits werden Pflanzen in Form von Nahrung und Nistmaterial ausgebeutet und dort, wo sie das Fortkommen stören, niedergetrampelt. Andererseits sind Tiere Garanten für die Verbreitung von Samen, deren Keimfähigkeit durch die Darmpassage sogar begünstigt wird.
Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist ein artenreicher Lebensraum in dem sich Geben und Nehmen die Waage halten. Ganz anders sieht es dort aus, wo Menschen siedeln. Wo Hütten stehen ist der Wald restlos gerodet und der Boden erodiert (Abbildung 1). Um die Dörfer herum ist die Landschaft braun, schwarz oder grün, je nachdem in welchem Stadium sich das Ackerland für den Anbau von Maniok, Kochbananen und Mais befindet. Mit Axt und Feuer werden die Felder urbar gemacht und für ein paar Jahre bewirtschaftet. Danach ist der Boden ausgelaugt und ein neues Feld muss her. Schnell übernimmt der Wald die Kontrolle über das Brachland, bis aber eine artenreiche Pflanzengesellschaft wieder Fuß fassen kann, wird meistens erneut gerodet. Landbesitz bleibt im Dorf, jede Familie kann sich ihre Felder abstecken, wo sie möchte. Felder werden nach einigen Zyklen brach liegen gelassen und zu einem späteren Zeitpunkt erneut gerodet, gebrannt und bepflanzt.
Solange die Anzahl der Dorfbewohner niedrig bleibt, scheint das System im Gleichgewicht; steigt der Bedarf an Anbauflächen, weil die Bevölkerung wächst oder der Handel mit bestimmten Agrarprodukten floriert, gerät es in Schieflage. Wo der natürliche Wald durch Ackerland verdrängt wurde, lässt sich am besten aus der Vogelperspektive feststellen. Valeska Soliday (Abbildung 2) schaut sich diesen Vorgang ganz genau an. Dazu braucht die angewandte Geografin weder Flugzeug noch Paraglider. Anhand hochauflösender Satellitenaufnahmen lassen sich sowohl die zeitlichen als auch die räumlichen Veränderungen aufs‘ Pixel genau bestimmen (Abbildung 3). Besonders wichtig ist dieses Monitoring im Einzugsgebiet des Salonga Nationalparks, dem größten Regenwaldschutzgebiet auf dem afrikanischen Kontinent. Noch ist der Park eingebettet in ein grünes Meer aus tropischem Regenwald, Flussläufen und Sumpfgebieten. Die wenigen menschlichen Siedlungen sind weit verstreut und wirken wie Kratzer auf Elefantenhaut. Gelingt es, den Status quo zu erhalten, dann haben der Park und die umliegenden Wälder eine Zukunft.

Naturschutzprojekte schaffen Arbeitsplätze und locken nicht nur Experten, sondern auch Menschen aus weiter entfernten Dörfern an. Bezahlte Arbeit ist in den ländlichen Gebieten kaum zu finden und die Aussichten auf Beschäftigung hat Magnetwirkung. Mit den Arbeitssuchenden kommen Händler in die verschlafenen Urwaldsiedlungen. Welche Auswirkungen der Zuzug Fremder und die Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen auf die Landwirtschaft haben kann man zwar ahnen, genaue Informationen wie sich das auf das schützenswerte Habitat auswirkt, sind allerdings rar. Deshalb interessiert sich Valeska besonders für den Status der Wälder im Großraum des Salonga Nationalparks. Mit Hilfe der Fernerkundung lassen sich vom Menschen verursachte Veränderungen der Vegetation nicht nur zweifelsfrei detektieren sondern auch in Zahlen ausdrücken. Als Modell für die späteren Berechnungen dienen Informationen, die im Zuge der Arbeiten von Bonobo Alive und dem LuiKotale Bonobo Projekt aufgenommen werden. Seit zwanzig Jahren beziehen die Naturschützer und Forscher ihre Lebensmittel aus den Dörfern und haben damit die Nachfrage nach Agrarprodukten angekurbelt. Anhand dieser Zahlen kann Valeska jetzt untersuchen, wie sich die landwirtschaftlichen Anbauflächen in den letzten 40 Jahren entwickelt haben, und inwiefern das Forschungsprojekt oder das Bevölkerungswachstum Einfluss auf die gerodeten Flächen haben. Ihre Untersuchungen liefern nicht nur eine wichtige Referenzen für die Bonoboschützer im Wald von LuiKotale, sondern sind Blaupause für Berechnungen, die für die gesamte Pufferzone des Nationalparks von Relevanz sein können. Das Sichtbarmachen menschlicher Aktivitäten gehört zu der wichtigsten Voraussetzung für den langfristigen Schutz eines Lebensraums, der andernorts schon seit langem nicht mehr existiert.

 

Abbildung 1: Luftaufnahme eines Urwalddorfes. Es gehört zu den Siedlungen, die am oberen Rand von Abbildung 3 zu sehen sind
(Quelle: WorldView-2 vom 5.3.2011).

Abbildung 2 (Foto: B. Fruth/LKBP)

Abbildung 3: Die Satellitenaufnahme zeigt das Studiengebiet um das Camp (rotes Dreieck) LuiKotale (untere Bildhälfte) sowie ein Mosaikhabitat aus Savanne (lila) und Wald im mittleren Bildteil. Die hellgrünen Flecken am oberen Bildrand markieren die Anbauflächen von vier Dörfern (Bildquelle: landsat-8 OLI / 21.7.2018).

Artenschutz auf dem Prüfstand (31. März 2021)

Das zentrale Kongobecken gehört zu den wenigen verbliebenen Flecken dieser Erde, die kaum erforscht sind. Es ist der letzte Ort auf dem afrikanischen Kontinent, dessen Urwälder endlos scheinen. Der Wald von Ekongo ist ein winziges Teil im Millionenpuzzle des monumentalen Tieflandbeckens. Kleine Wasserläufe markieren das Terrain, welches die Bewohner von Bekombo als legitimes Erbe ansehen. Obwohl in unmittelbarer Nachbarschaft zum Studiengebiet LuiKotale gelegen, war den Forschern und Naturschützern der Zugang nach Ekongo für lange Zeit versperrt. Die Dörfler misstrauten jenen, die den Wald und seine tierischen Bewohner schützen wollten, bezweifelten, dass es ausschließlich Forscherdrang war, der die Menschen in ihren Wald lockte. Nach jahrelangen Verhandlungen willigten die Dorfältesten schließlich ein und bestimmten eine kleine Savanne als Ort für das Camp von Ekongo (siehe NEUES vom Juni 2015). Mit Unterstützung der Ouwehands Zoo Foundation ist seit 2016 ständig ein Team vor Ort, um eine Bonobogruppe an menschliche Beobachter zu gewöhnen. Derzeit widmen sich Iris und Daniel (Bild 1) dieser schwierigen und oftmals frustrierenden Aufgabe. Nach den zähen Bemühungen in der Anfangszeit haben die Ekongo-Bonobos gelernt, dass ihnen vom Habituationsteam keine Gefahr droht. Solange sie in den Bäumen sitzen fühlen sie sich sicher, aber am Boden bleiben sie weiter auf Distanz. Das erschwert nicht nur die Beobachtungen, sondern lässt die menschlichen Begleiteter immer wieder ins Leere laufen. Eben sah man noch schwarzbehaarte Beine und Rücken vor sich laufen und auf einmal ist der Wald wie ausgestorben. Immer wieder landen Daniel und Iris in der Warteschleife, lauschen auf ein Geräusch, was die Bonobos verrät. Tut sich nichts, beginnt die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Manchmal zahlt sich das Warten jedoch aus und es ist der Geduld von Iris, Daniel und ihren Vorgängern zu verdanken, dass die Kontakte mit den Bonobos häufiger werden und immer länger andauern. Die Vermeidung der Nähe zum Menschen hat gute Gründe. Bis vor wenigen Jahren wurde im Wald von Bekombo gejagt und auch Bonobos waren nicht sicher. Mit der Übereinkunft zwischen Bonobo Alive und dem Dorf hat sich das geändert - der Wald von Ekongo ist zur jagdfreien Zone geworden. Zwei weitere Dörfer haben sich im vergangenen Jahr ebenfalls dazu entschlossen, Teile ihres Waldes nicht mehr zu bejagen. Welche Auswirkungen der verminderte Jagddruck auf die unterschiedlichen Wildtierarten hat, soll im Rahmen einer Studie untersucht werden, die demnächst in den Wäldern rund um das LuiKotale Bonobo Projekt beginnen wird. Ein wichtiger Impuls zur Umsetzung der Idee kam von der Zoo Berlin Stiftung, die einen Großteil der Kosten übernehmen wird. Wie lange dauert es, bis ehemals stark bejagte Areale neu besiedelt sind und wie wirkt sich das auf den Status von Arten aus, die um die gleichen Nahrungsressourcen konkurrieren? Wie reagieren Bonobos auf den veränderten Jagddruck? Für Bonobo Alive werden die Ergebnisse unter anderem eine wichtige Referenz dafür sein, wie sich die Verträge mit den Anrainern und das soziale Engagement des Vereins auf die Naturschutzbemühungen auswirken.

Jagd auf die stillen Jäger (02. März 2021)

Zuerst die gute Nachricht: Seit dem Sommer 2020 haben vier Dörfer im Randbereich des Salonga Nationalpark Teile ihres Waldes für Naturschutz und Biomonitoring vertraglich zugesichert. Das Kernstück eines jeden Vertrages ist die Zusage, weder Bonobos noch andere geschützte Arten zu jagen und auch das Tun der professionellen Buschfleisch-Jäger nicht mehr zu unterstützen. Der verbesserte Schutz betrifft derzeit ein Areal von ca. 500km2 Regenwald, Heimat von schätzungsweise 200 Bonobos. Verstöße gegen die Abkommen fliegen in der Regel schnell auf. Gewehrschüsse sind weithin hörbar und man kann den Ort des Geschehens gut lokalisieren. Ausserdem beobachten die aus unterschiedlichen Dörfern stammenden Mitarbeiter argwöhnisch ihre Nachbarn und informieren über Verdachtsfälle. Mit der Dauer der Abkommen wächst nicht nur das Vertrauen zwischen den Vertragspartnern sondern auch das Verständnis dafür, dass mit dem verbesserten Schutz des dorfeigenen Waldes eigene Ressourcen geschont werden. Nun die schlechte Nachricht: Als Folge der vertraglich zugesicherten Ächtung der Jagd hat die Fallenstellerei zugenommen. Das Ausbringen von Fallen ist ein mühsames Geschäft und um die Sache rentable zu machen, sind tausende Drahtschlingen notwendig. Fallen werden nicht nach dem Zufallsprinzip sondern in hoher Dichte entlang sogenannter snare lines ausgebracht. Die stille Jagd zielt auf den Fang von Waldantilopen und Wildschweinen ab, erwischt aber immer wieder Bonobos. Über die Folgen der Verletzungen durch Drahtschlingen wurde schon berichtet (NEUES, Bonobos unter Beschuss, April 2018). Erwachsene Bonobos sterben zwar nicht an den Traumata, leiden aber sichtbar und sind für sehr lange Zeit in ihren Aktionen beeinträchtigt. Wie das beiliegende Video zeigt, erfahren verletzte Tier soziale Zuwendung, Versuche, die Schlinge zu entfernen, wurden bislang jedoch nicht beobachtet. Was bleibt ist die erhöhte Aufmerksamkeit der Menschen, die im Wald arbeiten und die gezielte Suche nach Fallen. Mindestens einmal im Monat rücken Suchtrupps aus um Fallen unschädlich zu machen. Auf diesem Wege lassen sich akute Gefahrenquellen entschärfen aber das Dilemma ist offensichtlich: Die Suche nach Fallen ist bezahlte Arbeit und kann zum einträglichen Geschäft werden, wenn das Ausbringen und Einsammeln der Fallen in einer Hand liegen. Eine Strategie, diesem Dilemma zu begegnen, ist der ständige Einsatz von Patrouillen, die den stillen Jägern im Vorfeld das Handwerk legen.

Videoclip: Eine Drahtschlinge hat Tembos rechte Hand verletzt und Kebo widmet sich der Wunde.

Patrouillenmitglied beim Entsichern einer Drahtschlinge

Zehn Jahre Artenschutz: eine vorsichtige Bilanz (13. Januar 2021)

Seit zehn Jahren widmet sich Bonobo Alive dem Schutz wilder Bonobos und ihres natürlichen Lebensraumes. Ob dieses Bemühen auch erfolgreich ist fragen sich nicht nur die Akteure vor Ort sondern auch die Spender, die die Arbeiten möglich machen. Die Antwort ist alles andere als einfach denn die Kriterien, an denen der Erfolg ablesbar ist, sind sehr verschieden und in ihrer Aussagekraft zeitlich begrenzt. Ein häufig verwendetes Merkmal ist der Status einer bestimmten Population der sich aus Aufzeichnungen einer möglichst großen Anzahl von Gruppen und deren Altersstruktur ergibt. In der Realität ist die Anzahl verschiedener Gruppen gering und Informationen zur Altersstruktur auf solche beschränkt, die die Nähe des Menschen tolerieren und über relativ lange Zeiträume beobachtet wurden. Im Wald von LuiKotale wo Bonobo Alive tätig ist, sind derzeit zwei Gruppen in Langzeitstudien involviert; zwei weitere Kommunen werden gerade an die Beobachtung durch den Menschen gewöhnt. Schaut man auf die Größe der gut bekannten Gruppen, dann ergibt sich ein erfreuliches Bild. Seit Beginn der Arbeiten in LuiKotal haben die an menschliche Beobachter gewöhnten Gruppen zahlenmäßig zugenommen. Die Gründe dafür sind hohe Geburtenraten, geringe Sterblichkeit und regelmäßige Zuwanderung junger Weibchen aus benachbarten Gebieten. Einige der Weibchen Clans bestehen inzwischen aus Mutter-, Tochter- und Enkelgeneration die alle im gleichen Streifgebiet leben. Eigentlich sollten die jungerwachsenen Töchter abwandern aber manche von ihnen scheinen das mit der Migration verbundene Risiko zu scheuen. Anders als man erwarten könnte, sind die Beziehungen zwischen Mutter und Tochter nicht besonders innig und Freundschaften entwickeln sich bevorzugt zwischen Mitgliedern fremder Matrilinien. Solange die Großmütter eigenen Nachwuchs haben, scheinen die Enkel auch nicht von ihrer Anwesenheit zu profitieren und es bleibt abzuwarten, ob der Nachwuchs zu einem späteren Zeitpunkt von der Verwandtschaft Unterstützung erfährt. Weniger spekulativ ist die Annahme, dass zu Beginn der Arbeiten in LuiKotale die Population unterhalb der Kapazitätsgrenze lag und der verbesserte Schutz der Bonobos vor Jägern und Fallenstellern ein entscheidender Faktor für die Zunahme der Populationsdichte ist. Die Anstrengungen der letzten 10 Jahre waren also nicht umsonst sondern haben den Wald von LuiKotale zu einem Refugium gemacht in dem Bonobos vergleichsweise sicher sind.

Bonobos schützen (27. November 2020)

Es ist drei Uhr, für die Assistenten des LuiKotale Bonobo Projekt Zeit zum Aufstehen. Für ein richtiges Frühstück ist es zu zeitig, Tee oder Kaffee, eine Brotzeit, dann geht es los. Der Wald ist stockdunkel, der Kegel der Stirnlampe zeigt den Weg. Eine Stunde oder länger dauert der Parcours durch enge Wegschneisen, über umgestürzte Bäume und durch Lianen-Dickicht. Dann stehen sie unter den Schlafnestern der Bonobos. Nur der Geruch, ein Gemisch aus Pferdestall und Latrine verrät die Nähe der Affengruppe. Die Taschenlampen gehen aus, Masken werden aufgesetzt um die Bonobos vor Infektionskrankheiten zu schützen, dann kehrt Ruhe ein. Vor ihnen liegt ein langer Tag – in 12 oder 13 Stunden werden die Menschenaffen neue Schlafnester bauen. Dann haben sie sich 10 km oder mehr durchs Unterholz geschlagen, haben Sümpfe gequert und vielleicht einen Abstecher zu einem schlammigen Altwasserarm gemacht. Die menschlichen Begleiter heften sich an die Fersen eines bestimmten Tieres und nehmen Daten für wissenschaftliche Studien auf. Gleichzeitig sind sie Sicherheitseskorte für eine Art, deren Hauptfeind menschliche Jäger sind. Wilderer scheuen weder tagelange Fußmärschen noch das unbequeme Leben im Wald; Begegnungen mit den Affenmenschen, die sich vor Nichts zu fürchten scheinen, vermeiden sie jedoch. Bonobo Alive sammelt Spendengelder und organisiert Aktionen, die dem Schutz der Bonobos dienen. Die Umsetzung liegt in den Händen von freiwilligen Mitarbeitern, die sich für mehrere Monate von Freunden, Familie, Internetzugang und anderen Annehmlichkeiten verabschiedet haben. Diejenigen, die die Ziele des Vereins in die Tat umsetzen sind um die 25 Jahre alt, meistens weiblich, und fest gewillt, der Zerstörung natürlicher Ressourcen nicht tatenlos zuzusehen. Neun Monate verbringen sie in der Abgeschiedenheit des kongolesischen Urwaldes. Sicherung von Schutzgebieten, Lobbyarbeit für den Naturschutz und Strafverfolgung bei Missachtung der Gesetze sind wichtige Werkzeuge, um bedrohte Lebensräume und ihre Bewohner zu schützen. Aber nur dort, wo Naturschützer und Forscher ständig Präsenz zeigen, sind Bonobos und andere bedrohte Tierarten halbwegs sicher.

Giulia, Luz, Francesca, Cristian und Maisie gehören zu denen, die sich dafür einsetzen, dass Bonobos und ihr natürlicher Lebensraum eine Zukunft haben.

Führt verbesserter Schutz zu steigenden Immigrationszahlen?   (18. Oktober 2020)

Kommen Bonobos auch in größerer Entfernung zum Schutzgebiet vor, wie wirkt sich die Nutzung der Wälder durch den Menschen aus und gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Vorkommen der Bonobos und der Dichte tagaktiver Affenarten die um die gleichen Nahrungsressourcen konkurrieren? Genauere Hinweise auf den derzeitigen Status der Bonobos erwarten wir uns von einem Zensus, der ab November 2020 im Großraum von LuiKotale und angrenzenden Dörfern durchgeführt wird.

Bonobos leben in stabilen Sozialgemeinschaften in denen erwachsene Frauen in der Überzahl sind. Von wenige Ausnahmen abgesehen stammen sie aus andern Gruppen, die sie erst im Pubertätsalter verlassen. Wie und wann der Wechsel genau passiert und was darüber entscheidet, welcher Gruppe sie sich anschließen, ist noch weitgehend unbekannt. Irgendwann tauchen fremde Gesichter auf und ziehen für Tage, Woche oder Monate mit der residenten Gruppe durch den Wald. Die Phase des „Fremdelns“ ist meistens von kurzer Dauer und schnell entwickeln sich freundschaftliche Beziehungen, die die anfängliche Zurückhaltung zwischen Residenten und Besuchern verwischen. Der Anschluss an die Gruppe funktioniert in erster Linie über Jugendliche und deren Mütter. Für die Jungen sind Immigrantinnen geduldige Spielpartner, für die Mütter Dienstleister in Sachen Fellpflege und Kinderbetreuung. Ob eine junge Bonobofrau noch Besucherin oder schon Gruppenangehörige ist, bleibt lange ungewiss. Manche Besucherinnen verschwinden nach Monaten und tauchen nie wieder auf. Ein sicherer Hinweis darauf, dass die Würfel zum Verbleib in einer Gemeinschaft gefallen sind, ist der Beginn einer Schwangerschaft.

Besucherinnen gab es seit dem Beginn der Arbeiten in LuiKotale. Was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist die Zahl der Immigrantinnen, die sich dauerhaft niederlassen. Derzeit bemühen sich fünf Kandidatinnen um die Gunst ihrer Gastgeber. Dieser Trend und die hohen Geburtenzahlen haben zur Vergrößerung der seit 2007 habituierten Gruppe geführt. Die Versuchung ist groß, diesen Trend auf den verbesserten Schutz des Waldes und seiner Bewohner zurückzuführen. In diesem Fall würde man erwarten, dass auch andere Gruppen wachsen. Beobachtungen der benachbarten Gruppe, die ebenfalls täglich beobachtet wird, bestätigen diese Annahme jedoch nicht. Wichtiger als das Anwachsen einzelner Gruppen ist die Verbreitung der Bonobos in den Wäldern innerhalb und außerhalb des Salonga Nationalparks – eines der letzten Refugien der Art Pan paniscus. Kommen Bonobos auch in größerer Entfernung zum Schutzgebiet vor, wie wirkt sich die Nutzung der Wälder durch den Menschen aus und gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Vorkommen der Bonobos und der Dichte tagaktiver Affenarten die um die gleichen Nahrungsressourcen konkurrieren? Genauere Hinweise auf den derzeitigen Status der Bonobos erwarten wir uns von einem Zensus, der ab November 2020 im Großraum von LuiKotale und angrenzenden Dörfern durchgeführt wird.

Die adoleszente Bella (links) groomt Ngola. Bella tauchte 2018 auf und es ist noch nicht sicher, ob sie sich dauerhaft der Gruppe anschließen wird. Ngola ist seit 2014 in der Gegend und wechselte lange zwischen benachbarten Kommunen hin und her. Seit Mai 2020 ist sie schwanger und wird vermutlich in der West-Kommune bleiben. photo © LKPB/B. Fruth Das adoleszente Weibchen Yambii schloss sich im Juni 2012 der West-Kommune an, blieb drei Monate und zog weiter. photo © LKPB/M. Kölbl

Artenschutz in Zeiten der Pandemie (30. September 2020)

Der zentralafrikanische Regenwald ist dünn besiedelt, Verkehrsmittel sind nur auf wenigen ausgebauten Pisten unterwegs und Reisen über Land erfolgen in erster Linie per pedes oder mit dem Fahrrad. Die Bedingungen für die Ausbreitung von Viren sind demnach ziemlich ungünstig. In Zeiten global grassierender Infektionen könnte sich die Abgeschiedenheit für die dort lebenden Menschen ausnahmsweise als Vorteil erweisen. Die Vermutung, dass virale Infekte wie COVID 19 ihren Ursprung in den tropischen Regenwäldern haben, ist nicht unbegründet, im konkreten Fall steht der Beweis jedoch aus. Die Auffassung, dass die letzten intakten Regenwaldgebiete für die Gesundheit der Weltbevölkerung eine akute Gefahr darstellen, könnte als Rechtfertigung missbraucht werden, den verbleibenden Refugien einer ursprünglichen Tier- und Pflanzenwelt den Garaus zu machen. Während die Medien die Angst vor viralen Attacken aus tropischen Gefilden schüren, sind Forscher und Naturschützer in Sorge, dass infizierte Menschen Wildtiere mit dem Virus anstecken könnten, wobei Arten, die nah mit dem Menschen verwandt sind in besonderer Weise gefährdet sind. Um das Infektionsrisiko zu minimieren wird vorgeschlagen, die Forschung an wildlebenden Menschenaffen zu suspendieren und auch Naturschutzaktivitäten auf ein Minimum zu begrenzen. Auf den ersten Blick erscheinen die Argumente plausibel. Angesichts der Empfindlichkeit von Menschenaffen für menschliche Erreger erscheint der völlige Kontaktabbruch konsequent und richtig. Für die ortsansässige Bevölkerung bedeutet die Suspendierung Verdienstausfall, ein Manko dem man mit der Fortsetzung von Lohnzahlungen begegnen könnte. Bei näherem Hinsehen kommen jedoch Zweifel an der Wirksamkeit der Isolationspolitik auf.

Um die Auswirkungen unterschiedlicher Schutzmaßnahmen zu testen, wurden in den letzten 10 Jahren zahlreiche Langzeitstudien durchgeführt. Das Ergebnis dieser Arbeiten ist einhellig: Freilebende Menschaffen sind überall dort gut geschützt wo Forscher und Naturschützer vor Ort aktiv sind. Dort wo die bedrohten Arten sich selbst überlassen sind, nehmen Jagd und Fallenstellerei sprunghaft zu.

Als im Frühjahr 2020 die Nachricht von der Pandemie auch in den entlegenen Teilen des Kongobeckens für Unruhe sorgte, mehrten sich im Wald von LuiKotale die Meldungen über den Zustrom von Jägern. Im Juni fanden Projektmitarbeiter die Überreste mehrerer Waldelefanten. In Zusammenarbeit mit der nationalen Naturschutzbehörde ICCN mobilisierten die Bonoboschützer eine Patrouille und wurden bald fündig. Mehrere Jagdgruppen hatten sich in direkter Nachbarschaft des geschützten Waldes eingerichtet, großflächig Fallen ausgelegt und die erbeuteten Tiere – darunter auch mehrere Bonobos - für den Transport konserviert. Das schnelle Eingreifen der Naturschutzbehörde konnte die Invasion der Jäger stoppen. Bonobo Alive wird sich noch stärker als bislang darum kümmern, das Frühwarnsystem welches Jagdtrupps detektiert auszubauen, und die Zusammenarbeit mit benachbarten Dörfern zu intensivieren. Um der latenten Gefahr, virale Erreger zu „importieren“ wirksam zu begegnen, haben sich die seit über 10 Jahren angewandten Hygieneregeln, das Tragen eines Mund-Nasenschutzes und ein 7m-Abstand zwischen Mensch und Bonobo, bewährt. Dennoch wurden auch hier in Anbetracht der Pandemie zusätzliche Maßnahmen, wie Quarantäne-Regeln und Zugangsbeschränkungen zum Forschungscamp eingeführt. 

Aus der Perspektive von Bonobo Alive, ist die Fortsetzung der permanenten Präsenz in LuiKotale durch ein Team von Forschern, Assistenten und Volontären, der wichtigste Schutz für Bonobos und damit auch für all die anderen emblematischen Arten, mit denen sie ihr Habitat teilen.

Volkszählung im Salonga Nationalpark (5. Mai 2020)

Wie viele Bonobos gibt es denn noch in freier Wildbahn? Diese Frage wird immer wieder gestellt, weniger aus reiner Neugier, sondern aus professionellem Interesse von Menschen und Organisationen, die sich um den Fortbestand der bedrohten Art sorgen. Die Frage klingt einfach, aber die Antwort ist schwer und oft sehr vage. Das Verbreitungsgebiet der Bonobos ist auf ein afrikanisches Land, die Demokratische Republik Kongo, begrenzt. In diesem mit 2,4 Millionen km2 zweitgrößten Land des afrikanischen Kontinents, kommen sie nur südlich des Kongo-Flusses vor. Welche der dünnbesiedelten Waldgebiete des Tieflandbeckens Bonobos beherbergen ist nicht bekannt, lässt sich aber grob anhand von Vegetationskarten abschätzen. Bonobos bewohnen den immergrünen Tieflandregenwaldes, nutzen aber auch Savannen-Regenwald-Mosaike. Hinweise auf das Vorkommen der Art in einem bestimmten Gebiet erlauben keine Rückschlüsse darauf, wie viele Individuen dort tatsächlich leben und ob ähnlich bewaldete Gebiete ebenfalls von Bonobos bewohnt sind. Populationserhebungen wurden in der Vergangenheit nur sporadisch durchgeführt und waren sowohl räumlich als auch zeitlich begrenzt. Wegen seiner zentralen geographischen Lage inmitten des Tieflandbeckens und der, mit 36.000 km² enormen Größe, gilt der Salonga Nationalpark als „hotspot“ für das Überleben von Bonobos. Nationale und internationale Naturschutzorganisationen wollen außerdem wissen, inwieweit das Schutzgebiet seiner Aufgabe, Wildtiere langfristig zu schützen, auch tatsächlich gerecht wird. Eine Person, die an der Aufklärung dieses Puzzles arbeitet, ist Mattia Bessone, Doktorrand an der Liverpool John Moores University in England. In seiner Doktorarbeit wertet er Daten aus, die im Rahmen der bislang umfangreichsten und aufwendigsten Biodiversitätsstudie im Salonga Nationalpark aufgenommen wurden. Bevor sich Mattia vor den Rechner setzte, leitete er für zwei Jahre die Zensusarbeiten in dem über 17.000 km² großen Südteil des Parks (Bild 1). Er sorgte dafür, dass die Feldassistenten mit Geräten und Nahrung versorgt waren und koordinierte die Datenaufnahme und den Transport der bis zu 80 Mitarbeiter. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass Bonobos zwar überall im Salonga Nationalpark vorkommen, ihre Häufigkeit allerdings sehr stark variiert. Zählungen der Schlafnester, Aufnahmen von Kamerafallen und direkte Sichtungen liefern das Rohmaterial für seine Studie. In einer ersten Analyse, die gerade in der ökologischen Fachzeitschrift „Journal of Applied Ecology“ veröffentlicht wurde, testete er die Anwendbarkeit von Kamerafallen zur „Volkszählung“ im Park. Die Studie deckt einen Zeitraum von 18 Monaten ab, 160 Kamerafallen wurden an 743 Standorten aufgestellt. Mit diesem nie dagewesenen Aufwand kamen über 16,000 auswertbare Videoclips mit insgesamt 170 Aufnahmestunden zusammen, auf denen unterschiedlichste Waldbewohner zu sehen sind. Damit konnten erstmals Vorkommen und Dichte von Bonobos und 42 weiteren Tierarten bestimmt werden. Darunter befinden sich auch zahlreiche Arten, die wegen ihrer versteckten Lebensweise dem menschlichen Auge meist entgehen.

Bonobos gingen an 66 der 743 Orte in die Kamerafalle (Bild 2). Mit diesen Film-Episoden konnte Mattia ihre Dichte im Südteil des Parks auf zwischen 0.24 und 1.21 erwachsene Individuen pro Quadratkilometer schätzen. Im nächsten Schritt wird er die Zählung der Nester und der direkten Beobachtungen entlang der 743 Transekte auswerten.

Bonobo Alive unterstütze das Vorhaben mit einer Studie zum Nestbau im Studiengebiet von LuiKotale. Jeder von der Mutter unabhängige Bonobo baut jeden Abend ein neues Nest. Manchmal bauen einzelne Individuen auch Tagnester. Um von der Anzahl registrierter Nester auf den Tierbestand rückschließen zu können, muss man wissen, wie viele Nester am Tag gebaut werden und wie lange diese Bauten sichtbar sind, die je nach Bauqualität, Baumart, Höhe und Jahreszeit unterschiedlich schnell verschwinden. Mit diesen Daten können die Ergebnisse der Kamerafallen verglichen werden, man kann genauere Aussagen zur Populationsdgrösse machen und untersuchen, welche Faktoren besonders großen Einfluss auf ihr Vorkommen in unterschiedlichen Habitat-Typen haben.

Auch diese Studie wird sich mit Schätzwerten begnügen müssen und liefert lediglich eine Momentaufnahme. Sie ist jedoch die entscheidende Voraussetzung dafür, anhand künftigen Zählungen einen Trend zu ermitteln: Haben wir es mit einer stabilen Population zu tun? Ist sie im Wachsen begriffen, oder nimmt sie, wie gemeinhin befürchtet, ab. Damit ist ein Grundstein für eine langfristige Überwachung der Bonobopopulation im größten Schutzgebiet des zentralen Kongobeckens, dem Salonga Nationalpark gelegt.

Leben ohne Arzt und Medikamente (24. Januar 2020)

Bonobos teilen ihren Lebensraum mit anderen Säugetieren. Innerhalb dieser Lebensgemeinschaft sind sie sowohl Jäger als auch Gejagte und besonders groß ist die Bedrohung durch Wilderer. Eine völlig andere Gefahrenquelle, deren Einfluss nur selten wahrgenommen wird, sind Krankheiten. Viele Viren, mit denen Menschen gut zurechtkommen, sind für Menschenaffen tödlich. Andere Krankheiten sind zwar nicht lebensbedrohlich, beinträchtigen jedoch die physische Leistungsfähigkeit und erhöhen den Druck auf das Immunsystem. Stürze aus Bäumen und Bissverletzungen von Artgenossen stellen ein weiteres Gesundheitsrisiko dar. Wie gut oder schlecht es einem Bonobo geht sieht man ihm nicht sofort an. Deshalb ist es wichtig, den Gesundheitszustand dauerhaft zu überwachen. Nur so lassen sich Änderungen von den „Normwerten“ feststellen. Seit vielen Jahren sammeln die Mitarbeiter des LuiKotale Bonobo Projektes Daten, die Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand der Bonobos erlauben. Dazu gehören tägliche Beobachtungen des Verhaltens, sowie das nicht invasive Sammeln von Kot- und Urinproben. zum Verhalten gehören Schlafdauer, Spielverhalten, Appetitlosigkeit oder eindeutige Symptome wie Wunden, Husten oder Schnupfen. Die Untersuchung von Kotproben im Feld, deren parasitologische Analysen im Labor, und die Messung von Substanzen im Urin, spiegeln den Grad der Belastung des Immunsystems wider. Mélodie Kreyer (Abbildung), Doktorandin an der Liverpool John Moores Universität, hat in mehreren Feldaufenthalten Daten erhoben und wertet diese derzeit im Rahmen ihrer Dissertation aus. Der tägliche Kontakt mit Forschern stellt für die Bonobos ein besonderes Risiko dar und die detaillierte Gesundheitsüberwachung ist mehr als wissenschaftliches Interesse. Zu den Vorsichtsmaßnahmen, die das Infektionsrisiko minimieren sollen, gehören der Mindestabstand zwischen Mensch und Bonobo und das Tragen von Mundschutz. Erkrankte Mitarbeiter bleiben im Camp und im Wald gelten besondere Hygienevorschriften. Diese Dinge sind Routine geworden, beantworten aber nicht die Fragen, die Mélodie umtreiben: Wie oft werden Bonobos krank, wie reagieren Gesunde auf kranke Artgenossen, verzehren Kranke bevorzugt Pflanzen mit pharmakologischer Aktivität? Die Beobachtungen an Bonobos bieten ein Modell für ein Leben ohne Arzt und Medikamente und werfen damit ein Schlaglicht auf unsere eigene Geschichte.

Artenschutz im Fokus (05. September 2019)

Der Wunsch, wilde Tiere zu erleben, führt viele Menschen in den Zoo. Wer gleichzeitig deren Schutz unterstützen möchte, muss beim Besuch der Wilhelma, des Zoologisch-botanischen Garten in Stuttgart, keinen Umweg machen. Die Wilhelma bietet ihren Besuchern die Gelegenheit, bereits mit dem Erwerb des Eintrittsticket ausgewählte Artenschutzprogramme durch einen freiwilligen Zuschlag – den Artenschutz-Euro - zu unterstützen. In zooeigenen Medien, Vorträgen und Filmen erfährt der Besucher regelmäßig, was mit den Spendengeldern geschieht. Zusätzlich organisiert die Wilhelma seit mehreren Jahren am Pfingstmontag einen Artenschutztag, zu dem sie alle Vertreter der von ihr unterstützten Natur- und Artenschutzprojekte einlädt, damit diese den Besuchern direkt berichten können, wie etwa der Kampf gegen Wilderei im Zentrum Afrikas aussieht. Bonobo Alive e.V. war 2019 auch wieder dabei und bot den Zoobesuchern die Gelegenheit, sich über die Arbeiten zum Schutz freilebender Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo zu informieren. Wer am Infotisch bei den T-Shirts mit den Konterfeis von Zizu, Zoe oder Hugo (Bonobos aus dem Wald von LuiKotale) stehenblieb, wollte natürlich auch mehr über das Schicksal dieser freilebenden Bonobos hören. Wie reagieren sie, wenn Jäger auftauchen? Was machen sie bei Verletzungen durch Drahtschlingen? Wie viele Bonobos leben noch in freier Wildbahn und was haben die menschlichen Bewohner des Regenwaldes eigentlich davon, wilde Tiere zu schützen?
Die Neugier auf die Antworten der Bonobo Alive Mitarbeiter, welche immerhin aus erster Hand von ihren Erfahrungen im Regenwald berichten konnten, war besonders bei jüngeren Besuchern groß. Das Thema Artenschutz steht damit im verdienten Fokus. Vermutlich werden zwar nur wenige Stuttgarter je in den Kongo reisen, um Bonobos in freier Wildbahn zu beobachten, aber die Außenanlagen der Wilhelma ermöglichen es trotzdem, diesen beeindruckenden Menschenaffen auch ohne vorherige Fernreise Auge in Auge zu begegnen und Menschen für deren Schutz zu motivieren.



Allianz zum Schutz der Bonobos (13. Mai 2019)

Der Salonga Nationalpark der DR Kongo, das größte Regenwaldschutzgebiet Afrikas, bietet bedrohten Tierarten Schutz – zumindest auf dem Papier. Tatsächlich ist der Park nicht nur Refugium bedrohter Tier- und Pflanzenarten, sondern gleichzeitig Revier von Jägern und Fallenstellern. Neben Elfenbein ist der Handel mit Fleisch von Wildtieren nach wie vor ein einträgliches Geschäft. Große Schutzgebiete wie der Salonga Nationalpark sind aber schwer zu kontrollieren. Dementsprechend schwierig ist die Arbeit der Naturschutzbehörde und die Patrouillen decken nur Fragmente des großen Tieflandregenwaldes ab. In vielen Teilen Afrikas ist das Umland von Schutzgebieten dicht besiedelt, Dörfer und Felder hören erst unmittelbar an den Parkgrenzen auf oder wachsen sogar in die Schutzgebiete hinein. Der Salonga Nationalpark ist dagegen von weitgehend intaktem Regenwald umgeben, sein Umland ist nur spärlich besiedelt, der Verkehr auf Pirogen, in der Regel unmotorisierte Einbäume und Fahrräder beschränkt. Die Pufferzone ist traditionelles Jagdgebiet der Bevölkerung, die ausserhalb des Parks ihre Dörfer hat. Der Wald wird als Erbe der Ahnen verstanden und die Besitzansprüche sind ungeschriebenes aber ehernes Gesetz. Tatsächlich verschafft der Wald materielle Sicherheit, denn er bietet fast alles was es zum Leben braucht: Fleisch, Fisch, sauberes Wasser, Baumaterial, Medizin. Dementsprechend ist der Zutritt zum Wald (community forest) reglementiert und die Dorfbewohner achten ziemlich genau darauf, wer sich dort aufhält und was dort passiert. Dieses Kontrollsystem nutzt Bonobo Alive seit Jahren für seine Zwecke. Das Prinzip ist ganz einfach: Für die Zusicherung der Dorfältesten, in ihrem Wald keine Bonobos und andere geschützte Arten zu jagen und Wilderern keinen Zutritt zu gewähren, erhält das Dorf Unterstützung durch Bonobo Alive. In der Regel sind das jährliche Zahlungen an das Dorf, oft kommen der Bau einer Schule, die Zahlung von Lehrergehältern und andere Hilfen dazu. Bislang funktioniert das System: Wilderer werden nicht mehr toleriert und die Bevölkerung macht den Schutz der Bonobos zu ihrer Sache.

Anfang 2019 konnte ein Vertrag mit einem dritten Dorf, Mbungusani, unterzeichnet werden. Der Wald dieses Dorfes war uns wegen seiner Größe besonders wichtig. Außerdem gehörte der Mbungusani-Wald zum Einzugsbereich von Wilderern die Jagd auf Waldelefanten und Bonobos machten. Das Abkommen mit den Dorfältesten von Mbungusani vergrößert die Schutzzone, in der Bonobos nicht mehr gejagt werden lediglich um 6 km², gerade so viel, dass die dritte Bonobo Kommune, an der wir arbeiten, besser geschützt ist. Nimmt man die Zahlen des jüngsten Zensus im Salonga, dann ist das von Bonobo Alive avisierte Waldstück von Mbungusani Heimat von zwei weiteren Bonobo-Kommunen, die in Zukunft von Bonobo Alive und den Anwohnern gemeinsam geschützt werden sollen. Wir arbeiten daran, die entsprechenden Mittel zu akquirieren, die uns ermöglichen, die gesamte Fläche in unser Schutzprogramm zu integrieren, die Dorfbevölkerung haben wir bereits auf unserer Seite.



Ein entscheidender Punkt bei den Verhandlungen mit den Dorfältesten ist die Begrenzung der jagdfreien Zone. Das flache Terrain des Tieflandwaldes bietet jedoch nur wenige geographische Referenzpunkte, die bei der Kartierung helfen. Gemeinsam mit Vertretern der drei Dörfer erstellt Barbara Fruth eine erste Kartierung im „Sandkasten“. Die hier vorgenommene Markierung wird später bei einer anschließenden Ortsbegehung verifiziert. © Alexis Louat/LKBP

Schüler helfen Schülern (13. Februar 2019)

Wenn im Sommer das Schuljahr ended, hat für die meisten Absolenten der Dorfschule der Ernst des Lebens schon längst begonnen: Fischfang, Jagd, Hausbau und Feldarbeit sind Fertigkeiten die man nicht in der Schule erwirbt. Wer auf eine weiterführende Schule will, muss in die nächste Provinzhaupstadt gehen. Für die Bewohner der entlegenen Urwalddörfer sind die Chancen auf einen höheren Abschluss gering. In der Regel scheitert ein solches Vorhaben an den Kosten für Schulgeld und den Unterhalt. Und selbst wenn die beträchtliche Kosten gestemmt werden, sind die Chancen nicht gleich verteilt: Familien investieren in erster Linie in die Ausbildung von Söhnen. Die 14-jährige Dorcas hat den Sprung aufs Gymnasium geschafft. Die Anschubfinanzierung erhielt sie von „Children for a better World“, einem Verein mit Sitz in Deutschland und von Bonobo Alive. Im August machte sie sich zusammen mit Justin, einem gleichalten Jungen aus dem gleichen Dorf auf den Weg von Lompole ins 350 km entfernte Oshwe. Für Dorcas und Justin ist das Leben im Internat eine ganz persönliche Herausforderung. Bonobo Alive verbindet die Initiative mit der Hoffnung, den Kontakt zur Schule für die Belange des Artenschutz zu gewinnen. Wie in anderen grossen Ortschaften so kommen auch im Einzugsbereich von Oshwe Bonobos und andere Wildtiere nicht mehr vor. Das Bemühen Bonobos und ihr natürliches Habitat nachhaltig zu schützen wird nur dann erfolgreich sein, wenn es bei der ansässigen Bevölkerung Geschäftsidee begriffen wird. Dorkas und Justin könnten helfen, dieses Konzept zu verwirklichen.

Bonobos unter Beschuss (17. April 2018)

Seit Jahren engagiert sich Bonobo Alive e.V. für den Schutz von Bonobos im Grenzgebiet des Salonga Nationalparks. Die Bestandszahlen belegen, dass die Bemühungen erfolgreich waren. Die ständige Präsenz von Forschern und Naturschützern hat dazu beigetragen, Fallenstellerei und Jagd einzudämmen und so die Sicherheit der an den Menschen gewöhnten Bonobos und deren Nachbargruppen zu verbessern.

Dass die Wirkung der Bemühungen Grenzen hat war uns immer klar. Wie klein der mühsam errichtete Schutzschirm jedoch wirklich ist, mussten wir vor wenigen Wochen erfahren. Im Februar trieben Fallensteller im südlichen Teil des Studiengebietes LuiKotale ihr Unwesen. Mit Hilfe der Dorfbewohner konnte unser Team rund zweitausend Drahtschlingen einsammeln. Ulrich, ein Mitglied der zentralen Studiengruppe, kam allerdings zu Schaden (Abbildung 1a&b).

Dann kamen bewaffnete Jäger, die größere Säugetiere im Visier hatten. Weder die Fallenstellerei noch die sporadischen Invasionen von Jägern in den ans Studiengebiet angrenzenden Wäldern sind ein Novum. Wohl aber die gezielte Jagd auf Bonobos. Im März erreichte uns die Meldung, dass in unmittelbarer Nähe des Studiengebietes sieben Bonobos erschossen wurden. Diese Nachricht war ein Schock – nicht nur für die Projektmitarbeiter, sondern auch für die Dorfbewohner, die für das Bonoboprojekt arbeiten. Die kongolesische Naturschutzbehörde wurde sofort informiert und bemüht sich um Aufklärung. Die Aussicht auf Erfolg ist allerdings gering. Selbst wenn die Jäger gefasst und verurteilt würden bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass so etwas jederzeit wieder geschehen kann.

Keinen Grund zur Freude aber Anlass zur Hoffnung geben die Reaktionen der Dorfbewohner, die sich für die Aufklärung dieser Wilderei einsetzen. Ihr Engagement macht deutlich, dass sie sich mit dem Projekt und seinen Zielen identifizieren. Für sie bedeuten Bonobos inzwischen sehr viel mehr als ein Stück Fleisch. Bleibt zu hoffen, dass ihr traditionelles Netzwerk den Verantwortlichen in Zukunft das Handwerk legt.

Bonobos locken Forscher, Umweltschützer und Tierfilmer an und erschließen damit ganzen Dörfern neue Einnahmequellen – allerdings nur, wenn sie leben.

Abbildung 1a) Ulrich mit einer Drahtschlinge an der linken Hand; b) Nahaufnahme der verletzten Finger. Photos © LKBP/Megan Claase

Apotheke für Menschen und Affen (04. Januar 2018)

Bonobos und Schimpansen sind die nächsten Verwandten von uns Menschen. Wir teilen nicht nur die Neigung zur Bildung komplexer Sozialsysteme oder die Fahigkeit, mit Verwandten und Fremden gleichermassen zu kooperieren, sondern auch die Anfälligkeit für Krankheiten generell und Infektionen im Besonderen. Wir gehen zum Arzt, im Zoo kommt der Veterinär. Aber was machen eigentlich freilebende Menschenaffen, wenn sie krank sind? Dieses Thema beschäftigt Wissenschaftler seit langer Zeit und die Suche beginnt in der Regel dort, wo sich auch Menschen Hilfe holen: bei Pfanzen und ihren natürlichen Heilkräften. Menschen wissen um die heilende Wirkung von Blättern, Samen, Rinden und Wurzeln und das erleichtert die Suche. Wer auf diesem Gebiet der Forschung weiterkommen möchte, sucht nach pharmakologisch aktiven Inhaltsstoffen und dem zeitlichen Aufeinandertreffen von Krankheitssymptomen einerseits und dem Verzehr von Pflanzen, deren Wirkung zu den „Beschwerden“ passt, andererseits. Für die Forscher in LuiKotale gehört der tägliche Eintrag der Beobachtungen zum Gesundheitszustand der Bonobos zur Routine. Um die Identifikation der Inhaltsstoffe kümmert sich Musuyu Muganza, ein kongolesischer Pharmazeut, der seit vielen Jahren im LuiKotale Bonobo Projekt arbeitet. Seit 2011 arbeitet er an seiner Doktorarbeit, in der er das traditionelle Wissen um die Heilpflanzen im Studiengebiet und neueste Forschungsmethoden zur Entlarvung ihrer Wirkmechanismen kombiniert. Bonobo Alive hat dieses Vorhaben in den Jahren 2016/2017 unterstützt, indem es einen Teil der Kosten für den Forschungsaufenthalt an der Universität Antwerpen finanzierte. Im Januar 2017 war es dann endlich soweit und Musuyu Muganza konnte seine Arbeit verteidigen. Als Musuyu zurück nach Kinshasa flog hatte er den Doktorhut der Uni Antwerpen im Gepäck. Wenn es jetzt noch gelingt, das Studium der Heilpflanzen und ihrer Verwendung durch Tiere an der Universität Kinshasa zu etablieren, dann kann dieses Engagement von Bonobo Alive auch langfristige Wirkung entfalten.

Die Erforschung der Heilpflanzen unseres Studiengebietes, in der Cuvette Centrale beinhaltete die systematische Sammlung von Belegexemplaren (Bild 1), ihre taxonomische Identifikation im Herbar der Universität Kinshasa (Bild 2), und pharmakologische Analysen an der Universität Antwerpen (Bild 3). Vorläufiger Endpunkt war die erfolgreiche Verteidigung der Dissertation von Musuyu Muganza (Mitte) an der Universität Antwerpen.  

Von Müttern und Söhnen (06. Juni 2017)

Bonobomütter sind fürsorglich, geduldig und kümmern sich auch noch dann um ihren Nachwuchs, wenn dieser schon erwachsen ist. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn die Kinder in der Gruppe bleiben, in der sie geboren wurden. Bei den Bonobos sind das die Söhne. Töchter wechseln zum Zeitpunkt der Pubertät in benachbarte Gruppen und knüpfen dort ihre sozialen Netze. Welchen biologischen Vorteil die enge Mutter-Sohn-Bindung hat ist noch nicht vollständig geklärt. Untersuchungen an Bonobos in LuiKotale deuten darauf hin, dass mütterlicher Protektionismus einen Einfluss auf die Konkurrenz der Männer hat. So unterstützen Mütter ihre Söhne in Konflikten mit anderen Männern und verschaffen dem Nachwuchs möglicherweise entscheidende Vorteile gegenüber jenen Männern, die keine nahen Verwandten haben.

Zoe gehört zum „Urgestein“ der West-Gruppe und ist, was das mütterliche Engagement angeht, mit drei Söhnen gut ausgelastet. Ben (23 Jahre) ist schon seit vielen Jahren erwachsen und hat innerhalb der Männerkohorte einen hohen Status inne. Zed (15) ist noch nicht ganz ausgewachsen, zeigt aber schon jetzt Ambitionen, die mütterliche Unterstützung für die eigene Karriere zu nutzen. Zoes jüngster Sohn Zizu (7) ist privilegiert da er sowohl vom Rang der Mutter, als auch von der Anwesenheit der Halbbrüder profitiert.

Für Bonobo Alive ist der Zoe-Clan zum Aushängeschild geworden. Ein stimmungsvolles Portrait von Zoe (aufgenommen von Caro Deimel) gab die Vorlage für das Vereinslogo und ziert auch das am meisten verkauften Bonobo Alive T-Shirt. Jetzt gesellt sich Zizu dazu: Unter Verwendung einer Aufnahme des Tierfotografen Christian Ziegler hat die Designerin Etta Sopie das Bild für die neuen T-Shirts für Kinder gestaltet. Damit symbolisieren die neuen T-Shirts ein Merkmal, welches Bonobos von anderen Menschaffen unterscheidet: Mütter und Söhne gehören zusammen.

Bonoboweibchen Zoe, © Caro Deimel; Bonoboweibchen Zizu, © Christian Ziegler; T-Shirt Kollektion


Mehr Infos:


Bilder: links: "Zizu" von Christian Ziegler, Mitte: "Zoe" von Caro Deimel, rechts: neue T-Shirt-Kollektion

Weitere Hilfe für bedrohte Bonobos (15. Juni 2016)

Für den Schutz von Menschenaffen werden weltweit große Anstrengungen unternommen wobei nicht immer klar ist, welche Auswirkungen das Investment tatsächlich hat. Verschiedene Studien haben deshalb versucht, den Effekt anhand konkreter Zahlen zu erfassen. Fazit: Die ständige Präsenz von Menschen, die sich direkt für den Schutz bedrohter Menschenaffen stark machen hat besonders nachhaltige Wirkung. Dabei  ist es egal, ob es sich um Mitarbeiter von Naturschutzorganisationen oder Forscher handelt. Aufgrund dieser Erkenntnis könnte man meinen, dass der Schutz von Menschenaffen relativ einfach in den Griff zu bekommen ist, indem man an möglichst vielen Orten Naturschützer bzw. Forscher stationiert. Tatsächlich ist die Zahl von Langzeitprojekten jedoch sehr überschaubar, was in erster Linie mit den hohen Unterhaltskosten, den schwierigen Lebensbedingungen vor Ort,  sowie dem Bedarf an geeignetem Personal zu tun hat. Eine Alternative zur Einrichtung neuer Stationen ist die räumliche Ausdehnung bestehender Projekte. Dank  der finanziellen Unterstützung der Ouwehands Zoo Foundation (OZW) und Quagga, zwei Naturschutzorganisationen aus den Niederlanden, sowie des Zoo-Vereins Wuppertal e.V., des Kölner Zoos und der Wilhelma Stuttgart, wird Bonobo Alive e.V. seine Schutzbemühungen auf ein ca. 100 km2 großes Waldstück ausdehnen. Das Areal liegt in unmittelbarer Nachbarshaft des derzeitigen Studiengebiets (siehe beiliegende Abbildung) und ist vom Forschungscamp LuiKotale aus gut zugänglich. Durch das Engagement der genannten Institutionen können jetzt auch Bewohner des Nachbardorfes für Arbeiten wie Populationserhebungen, Habituation, Biomonitoning und Anti-Wilderei-Patrouillen eingestellt werden. Von dem verbesserten Schutz werden nicht nur die dort lebenden Bonobos sondern auch andere Wildtiere profitieren. Und für Bonobo Alive bietet sich einmal mehr die Gelegenheit, zu demonstrieren, wie Tiere und Menschen gleichermaßen vom Naturschutz profitieren können.

Map

 

Kölner Zoo kleidet Wildhüter ein (18. Dezember 2015)

Bonobo

Wenn am Ende der Trockenzeit das Wasser in den Flüssen des zentralafrikanischen Regenwaldes steigt, ist Fischfang nicht mehr einträglich und die lokale Bevölkerung deckt ihren Proteinbedarf wieder zunehmend durch Jagd. Diese Subsistenzjagd ist in Anbetracht der geringen Bevölkerungsdichte ökologisch nachhaltig. Ganz anders ist es mit der kommerziellen Wilderei organisierter Banden, die mit automatischen Waffen und ausreichender Munition oft aus überregionalen Gegenden kommen. Sie haben die großen Säugetiere im Visier: Elefanten, Sumpfantilopen, Rotbüffel und Bonobos. Zwar ist die Jagd auf geschützte Arten im Kongo strafbar, aber das Gesetz bietet keinen Schutz, da die Täter selten aufgegriffen und verurteilt werden. Um den Wilderern das Handwerk zu legen, muss man in die entlegenen Waldgebiete vordringen und sie von dort vertreiben. Trotz des Engagements großer Naturschutzorganisationen passiert das nur selten und wenn, dann werden die Gesuchten meist über Buschtrommeln und andere Kanäle gewarnt. Leichter ist es, wenn sich die Einsätze auf relative kleine Areale konzentrieren und im Verbund mit den Anrainern geschehen. Diese sind von der Invasion schwer bewaffneter Wilderer in ihren angestammten Wäldern durchaus nicht begeistert.

Bonobo

Bonobo Alive e.V. ist seit Jahren auf diesem Gebiet aktiv und hat inzwischen ein recht wirksames Verfahren etabliert, bei dem Wildhüter der kongolesischen Naturschutzbehörde ICCN gemeinsam mit der Bevölkerung gegen die Wilderei vorgehen. Die Ausrüstung, Verpflegung und Entlohnung der Patrouillenteilnehmer wird über Spenden finanziert. Neben Mitglieder- und Einzelspenden, erhält Bonobo Alive e.V.  maßgebliche Hilfe von Deutschen Zoos, wie dem Zoo Wuppertal, Stuttgart oder Köln. Von letzterem bekam Bonobo Alive e.V. kürzlich willkommene Hilfe jenseits der unverzichtbaren Geldspenden: eine große Menge Arbeitskleidung. Besser ausgerüstet fühlen sich die Helfer aus den umliegenden Dörfern jetzt sicherer und den uniformierten Wildhütern ebenbürtig. Die neue Ausrüstung steigert nicht nur die Motivation sondern hat sich im unwegsamen Gelände hervorragend bewährt.
Mit der Spende des Kölner Zoo werden neue Standards für die Aktionen von Bonobo Alive e.V. gesetzt. Unter der männlichen Dorfbevölkerung  avancieren die Hosen und T-Shirts mit dem Kölner Zoo Logo nach Aussagen von Antonin Leclercq, der derzeit für die Organisation der Patrouillen zuständig ist, zum Statussymbol. Das war nicht vorgesehen – könnte dem Naturschutzgedanken aber auf ganz eigene Weise Popularität verleihen.

Bonoboschutz auf dem Prüfstand (08. Juli 2015)

Bonobo

Die größte Bedrohung für freilebende Bonobos stellt die Jagd durch den Menschen dar. Um die Bonobos im Gebiet von LuiKotale vor Wilderern zu schützen, werden seit vier Jahren regelmäßig Patrouillen durchgeführt um die Camps der Wilderer aufzuspüren, die Wilderer zu vertreiben und so die Jagd auf Bonobos und andere Groß-Säuger zu unterbinden. Diese Arbeit wird ausschließlich mit Spenden von Bonobo Alive e.V. realisiert. Aufgrund der ständigen Präsenz von Forschern im Studiengebiet von LuiKotale ist es möglich, die Auswirkungen der Anti-Wilderer Patrouillen ohne zusätzlichen Aufwand abzuschätzen. Demnach hat die Einführung der Patrouillen den Jagddruck spürbar reduziert und bei den Bonobos der beiden Studiengruppen gänzlich eliminiert. Aber wie sieht es außerhalb des vergleichsweise gut geschützten Studiengebietes aus? Haben die Patrouillen auch Auswirkungen auf andere bedrohte Arten wie Waldelefanten und Rotbüffe? Und wie nachhaltig ist die, durch die Patrouillen erzielte abschreckende Wirkung? Um diese Fragen zu beantworten wird derzeit ein Projekt durchgeführt, welches den Einfluss des Studienortes LuiKotale und den von Bonobo Alive e.V. finanzierten Patrouillen auf das Vorkommen verschiedener Tierarten, inklusive Bonobos, evaluiert. Die Resultate dieser Bestandsaufnahme werden helfen, die Wirksamkeit der räumlich begrenzten Schutzbemühungen zu bewerten und vielleicht auch zu verbessern. Außerdem können die Ergebnisse helfen, einen realistischen Plan zum Schutz der Bonobos im großflächigen Südteil des Salonga Nationalparks zu erstellen.

Bonobo

Das Projektteam wird von dem niederländischen Zoologen Joost van Schijndel geleitet und soll in den kommenden Monaten auf einem Gebiet von ungefähr 300km2 alle Anzeichen von Tier- und Menschenpräsenz systematisch erfassen. Zusätzlich werden im Zuge dieses Projektes Daten mit Hilfe von Kamerafallen erfasst, um auch seltene, scheue und nachtaktive Tierarten zu zählen. Was man da zu sehen bekommt, auf den folgenden Videoclips sehen.
Videoclip: Leopard
Videoclip: Elefant

LuiKotale Bonobos agieren in Schutzkampagne (15. Oktober 2014)

Bonobo

Seit seinem Bestehen bemüht sich Bonobo Alive e.V. um den Schutz der Bonobos im Gebiet von LuiKotale und den angrenzenden Wäldern. Jetzt agieren die Schützlinge selbst in einer Kampagne, die der WWF Deutschland zum Schutz von Bonobos gestartet hat. WWF plant ein stärkeres Engagement beim Schutz der Bonobos und ihres Lebensraumes. Dabei spielt der Salonga Nationalpark eine besonders wichtige Rolle, da er zu den wichtigsten Refugien der bedrohten Menschenaffen zählt. Die in der Kampagne verwendeten Fotos zeigen Mitglieder der Studiengruppe (Bompusa community), deren Verhalten und Lebensweise seit vielen Jahren erforscht wird. Alle Mitglieder der Gruppe tolerieren die Gegenwart der Forscher und sind inzwischen auch begehrte Objekte für Fotografen und Film-Teams. Dank der Unterstützung der Freunde und Förderer von Bonobo Alive e.V.  konnte die Population in LuiKotal und Umgebung weit besser geschützt werden, als dies andernorts der Fall ist. Bleibt zu hoffen, dass die WWF-Aktion erfolgreich ist und den Schutz der Bonobos auf andere Teile des Verbreitungsgebietes ausdehnen und langfristig sichern kann.

Familiengeschichte (11. August 2014)

Bonobo
Bonobo

Bonobomütter sind fürsorglich und pflegen enge Bindungen zu ihrem Nachwuchs. Söhne bleiben in der Gruppe in der sie geboren werden und halten auch im Erwachsenenalter noch engen Kontakt zu ihren Müttern. Töchter wandern aus und schließen sich einer fremden Gruppe an, bevor sie eigene Nachkommen haben. Polly ist da eine Ausnahme: Im Februar 2014 bekam die Bonobofrau ihr erstes Kind, im Beisein ihrer Mutter Paula und den Schwestern Priska und Parvati. Polly ist derzeit die älteste Tochter im Paula-Clan und mit geschätzten 12 Jahren eine junge Mutter. Mit der Geburt von Paulas Enkeltochter „Puran“ hatte keiner vom Forscherteam gerechnet und entsprechend groß war die Überraschung. Die Tatsache, dass Polly vor dem üblichen Wechsel in eine andere Gruppe ein Kind bekommen hat, gibt Rätsel auf. Im Wald von LuiKotale gibt es überall Bonobos und Polly hätte ausreichend Gelegenheit gehabt, sich einer anderen Gruppe anzuschließen. Vielleicht waren der hohe Status der Mutter und die damit verbundenen Privilegien auschlaggebend. Auch ist nicht gesagt, ob sie auf Dauer in der Gruppe bleiben wird. Während das Rätselraten weitergeht, bietet sich den Forschern erstmals die Gelegenheit, drei Generationen mit bekanntem Familienhintergrund gleichzeitig zu beobachten.